
In Bachs filigrane Klarheit verliebt
Märkische Oderzeitung, Ulrike Buchmann
Zernsdorf (MOZ) Radiomusik hat derzeit keine Chance bei Gerlint Böttcher. Nicht einmal Klassik. Wenn sich die Konzertpianistin auf einen Auftritt vorbereitet, lebt sie nur in den Klängen, mit denen sie ihre Zuhörer verzaubern will. Sie sitzt stundenlang daheim am Klavier, oft bis spät in die Nacht, und geht die Noten selbst im Bett noch einmal durch.
Für ihren Soloauftritt am 12. September in der SchinkelKirche Neuhardenberg suchte die Dozentin der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler, die dort auch ihr eigenes Studium mit Auszeichnung beendete, Stücke aus, die ihr besonders am Herzen liegen. Franz Liszts "Gnomenreigen" zum Beispiel, eine Konzert-Etüde, sei ihr gerade die "reinste Freude". Aber auch Johann Sebastian Bachs Englische Suite Nr. 3 in g-moll wird in dem 90- minütigen Programm zu hören sein. "Bach ist in seiner filigranen Klarheit ja eher ein Prüfstein für Pianisten. Er wird relativ selten in Konzerten gespielt", sagt Gerlint Böttcher.
Um so lieber nimmt die in Frankfurt (Oder) geborene und in der Fürstenwalder Musikschule mit dem Klavier vertraut gemachte Musikerin diese Herausforderung an. Sie liebt es, Konzerte zu geben und gehört zu den wenigen deutschen Pianistinnen, die häufig mit großen Orchestern auftreten. Im Vorfeld allerdings ist die Anspannung groß, plagen sie stets arge Zweifel, ob sie auch gut genug sei.
Der Eindruck von Unbeschwertheit und Leichtigkeit auf der Bühne ist immer hart erkämpft. Davon können viele Künstler ein Lied singen. "Ich hatte schon immer das Problem, besonders aufgeregt zu sein, da helfen auch keine guten Ratschläge von Kollegen", gesteht die Preisträgerin vieler internationaler Wettbewerbe, die auch oft im Ausland konzertiert. Doch man leide ja nicht umsonst. Die Spannung, die sie mit in den Konzertsaal nehme, sorge für Spitzenleistungen. "Ich brauche diesen Kick", nimmt die Pianistin ihr Lampenfieber fast sportlich.
Voriges Jahr nahm sie sich das schwierige Schumann-Klavierkonzert a-Moll op. 54 vor und lernte es innerhalb von nur zwei Monaten. "Alle sagten, das ist nicht zu schaffen, aber ich wollte es eben unbedingt mit dem Orchester der Humboldt-Universität spielen", verrät sie den Grund für die Ochsentour. In jenen zwei Monaten sei sie morgens um 7 Uhr aufgestanden und habe oft bis zum nächsten Morgen um 3 Uhr geübt.
Über die Einladung nach Neuhardenberg hat Gerlint Böttcher sich riesig gefreut. Immerhin saßen in der Schinkel-Kirche vor ihr schon sehr berühmte Kollegen am Flügel. In diesem Jahr zum Beispiel Rolf Buchbinder und Elena Baschkirowa.
Nach ihrem Konzert am Sonnabend wartet auf die Zernsdorferin schon wieder ein Höhepunkt: Sie spielt, wenn Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) am 9.November der Europa-Preis verliehen wird. Auch eine neue Gerlint-Böttcher-CD soll im nächsten Jahr bei "Ars musici" erscheinen.
Doch jetzt sind alle Antennen erst einmal auf Mendelssohn Bartholdy, Johann Sebastian Bach, Liszt, Schubert und Chopin gerichtet. Und wenn der Beifall dafür verklungen ist, dann hat die Pianistin auch wieder ein Ohr für U-Musik. Wahrscheinlich, so verrät Gerlint Böttcher, wird sie ganz laut Eros Ramazotti hören, wenn sie in ihrem Opel GT C durch die brandenburgischen Alleen nach Hause fährt.