
Voll da sein, wenn's drauf ankommt
Märkische Oderzeitung, Michael Gabel
Pianistin Gerlint Böttcher spielt in Frankfurt
Zernsdorf (MOZ) Eine Künstlerwohngemeinschaft, zumal mit dem eigenen Lebenspartner, bringt manche Wahrheit schonungslos ans Tageslicht. „Es ist schon merkwürdig, wie unterschiedlich Pianisten üben können", sagt Gerlint Böttcher. „Mein Freund spielt täglich seine sechs Stunden, und abends um sechs ist er fertig. Bei mir ist das oft die Zeit, in der ich feststelle, dass ich mich mal wieder festgequatscht hatte." Während sie das sagt, lacht die 35-jährige Frau aus Zernsdorf (Landkreis Dahme-Spree) ihr fröhliches Lachen. Vorwürfe scheint sie sich in diesem Punkt nicht zu machen. „Dafür sitze ich dann oft noch bis spät in der Nacht am Flügel. Dann kann ich mich einfach besser konzentrieren."
Gerlint Böttcher gehört zu der Handvoll deutscher Tastenkünstler, die regelmäßig Solokonzerte mit großen Orchestern geben. An diesem Sonntag spielt die Lehrerin an der Berliner Hanns-Eisler-Musikhochschule mit dem Brandenburgischen Staatsorchester in Frankfurt Mozarts G-Dur-Klavierkonzert, danach ein Grieg-Konzert mit der vom Pultstar Rafael Frühbeck de Burgos geleiteten Dresdner Philharmonie, und außerdem folgt ein Auftritt mit dem Orchester Gotha/Suhl. Ein äußerst anspruchsvolles Programm, und die Pianistin gesteht, dass sie ziemlichen Bammel vor den nächsten Wochen habe. „Das Lampenfieber geht bei mir manchmal schon einen Monat vor dem Konzert los. Und vorbei ist es erst, wenn ich den letzten Ton gespielt habe."
Dass sie vor Auftritten extrem nervös ist, kann man gar nicht glauben, wenn man sich mit der jungen Frau unterhält. Sie erzählt so fröhlich und unbekümmert von ihrem Beruf wie ein Bademeister vom Treiben am Schwimmbeckenrand. Wie kann jemand, der das Leben durchaus locker zu nehmen scheint und der von sich selbst sagt, er sei manchmal etwas faul, solche Höchstleistungen erreichen, die Publikum und professionelle Kritiker gleichermaßen beeindrucken?
Die Erklärung liefert sie selbst: Einerseits habe sie das Glück gehabt, immer von guten Lehrern unterrichtet zu werden, andererseits gelinge es ihr, sich auf den Punkt zu konzentrieren und im entscheidenden Moment voll da zu sein. „Mir geht es so, dass ich auf der Bühne viel sensibler bin als beim Üben und dann oft meine besten Leistungen bringe."
Mit dieser besonderen Gabe hat die in Frankfurt (Oder) geborene Musikerin eine steile Karriere hingelegt. Das Interesse an klassischer Musik weckten ihre Eltern, die bis vor wenigen Wochen in Briesen eine Apotheke führten. Mit fünf Jahren erhielt Gerlint Böttcher an der Musikschule Fürstenwalde ihren ersten Klavierunterricht. Mit fünfzehn wechselte sie an die Hanns-Eisler-Hochschule, wo sie am Ende ihres Studiums das Konzertexamen mit Auszeichnung bestand.
Ein Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere war 2003 die Produktion einer CD mit Klavierstücken von Ravel („einer meiner Lieblingskomponisten"), Mendelssohn Bartholdy, Prokofjew und Liszt. Ein Kritiker rühmte auf der angesehenen Webseite „Klassik.com" ihre „hervorragende Anschlagskultur", ihre „Emotionalität und Intensität" und die „technisch perfekten Verzierungen". Die CD biete eine „willkommene Abwechslung zum rein technisch bestimmten Virtuosentum".
Welche Ziele bleiben einem, wenn man so mit Lob überhäuft wird? Gerlint Böttcher verrät, dass sie noch mal in den Libanon möchte. Zusammen mit ihrem Lebenspartner, dem Pianisten Jefim Gronwald, absolvierte sie dort im vergangenen Winter eine kleine Tournee. Sic schwärmt von der Schönheit des Landes und davon, dass das Leben dort eben so ganz anders sei als hier. Ein traumhaftes Land, sagt sie -„dabei hatten wir noch nicht mal gutes Wetter".